THEN AND NOW

Posts mit dem Label Gesellschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gesellschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 27. Mai 2013

The Retro TIMES





Wir leben in einem neuen Architektur-Historismus. Ein großer Teil der zeitgenössischen Architektur zitiert die Moderne zwischen 1920 und 1950 und kommt als zeitgemäß, modern, ja sogar als avantgardistisch damit durch! Man hat zwar ein bisschen das menschliche Maß verloren – die Fenster sind häufig zu klein, bei Individualbauten reicher Mitbürger dann wieder viel zu groß – aber seit Mies' Pavillon für Barcelona 1928 hat sich eigentlich nichts verändert. Fröhlich wird die Avantgarde "zitiert" (postmoderne Umschreibung für: mir fällt selbst nichts Besseres ein") und aufgeblasen. Nehmen wir mal diese klobigen Klötze in Köln am Rhein:



 (Anm.: Das Foto ist vor geraumer Zeit gemacht worden, als die Dinger noch im Bau waren.) Diese "Kranhäuser" erinnern doch an ... was war es noch? Richtig! Zum Beispiel an das hier:



Der gute El Lissitzky: "Wolkenbügel" hat er seine Kranhäuser genannt und nicht ganz so klotzig in die Moskauer Innenstadt von 1928 projeziert. 
Rückgriffe, Verweise, Zitate hat es nicht nur in der Architektur häufig gegeben. Aber heute ist es mit der einstmals "heroisch" genannten Moderne wie weiland mit dem Neoklassizismus oder dem Neobarock: Wer keine Idee und keine ästhetische Bildung hat, verlässt sich auf die Fundamente einer Epoche, die zwar dahin ist (und mit ihr viele Ideen), die aber, weil sie "Moderne" heißt, ja irgendwie immer noch "modern" ist! Dieselben Leute, die heute Luxusapartements im "Bauhaus-Stil" in Auftrag geben, hätten die Vertreter dieser Bewegung damals vermutlich für verrückt erklärt, wenn sie in ihren Historismus-Villen über den Verfall der Sitten salbaderten. 
Modern ist der Infinitiv eines Verbs: Ich modere, du moderst, wir modern... 
Ich bin ja kein Kulturpessimist – es entstehen auch neue Formen. Das Ding ist, dass Formen immer an Inhalte gekoppelt sind. Wenn einer Gesellschaft der Glaube an Fortschritt und Veränderung ausgeht, besinnt sie sich auf die Formen der Vergangenheit, blendet jedoch gleichzeitig viele Aspekte der Historie aus, die sie als störend empfindet. Bauhaus und Konstruktivismus mit den sozialen Ideen von damals? Die Leute möchte ich heute mal sehen, die das Design ihres Apartments mit der Frage nach dem Existenzminimum verknüpfen. "Unerhört, diese einfachen Formen sollen mal etwas mit gesellschaftlicher Utopie zu tun gehabt haben? Hans, wir dekorieren um!"


Donnerstag, 14. März 2013

Weissenhof (re)visited

Die Stuttgarter Weissenhofsiedlung gilt als Vorzeigeobjekt des International Style, des funktionalistischen Bauens á la Bauhaus und Konsorten. 1927 als avantgardistisches Prestigeobjekt eingeweiht, als ein Show-off der ultimativen Trend-Architektur, versammelten sich dort ursprünglich 33 Gebäude von 16 Architekten bzw. -teams. Es ist alles versammelt, was in der Nachschau Rang und Namen hat: Vom holländischen De Stijl sind Jan-Pieter Oud und Mart Stam dabei, aus der Schweiz bzw. Frankreich Le Corbusier und P. Jeanneret, aus Belgien Victor Bourgeois, aus Deutschland und Österreich Mies van der Rohe, Peter Behrens, Hans Scharoun, Walter Gropius, Bruno Taut, Hans Poelzig  u.v.a. 

Ich kannte nur die alten Schwarzweiß-Aufnahmen, die kurz nach der Vollendung entstanden; übrigens hat die Daimler-Benz AG schon 1928 Werbefotos mit Autos und attraktiven Fahrerinnen vor dem Corbusier-Bau machen lassen. Im 2. Weltkrieg wurde gut die Hälfte der Gebäude zerstört, u.a. auch deshalb, weil die Wehrmacht eine Flakstellung wohlweislich direkt vor die Weissenhofsiedlung postiert hatte – wenn die "bolschewistischen" Kästen draufgingen, nicht weiter schlimm.

Seit einigen Jahren ist das Corbusier-Wohnhaus renoviert und zum Museum geworden. Das Haus war ursprünglich als Doppelhaus mit zwei Wohneinheiten geplant, die Dachterasse stand beiden Parteien gleichzeitig zur Verfügung. Der rechte Hausteil ist heute begehbare "Musterwohnung", der linke ist Museum.



Dies sind zwei Schlaf-/Wohnräume, die durch eine Schiebetür getrennt werden (hinter dem Schrank verborgen). Die "Einrichtung" bestand aus ursprünglich in Beton gegossenen und glatt verputzten Schränken (heute aus Holz nachgebaut). Dem Schweizer Puritaner Corbusier war Ordnung und Sauberkeit wie beim Militär oder bei den Hutterern sehr wichtig. Darüber kann auch die für Funktionalisten "bunte" Palette nicht hinwegtrösten. (Wir nehmen mal an, dass die Bewohner in früheren Zeiten möglicherweise Bilder an der Wand hatten...) Rechts sieht man die Tür zum Flur bzw. Treppenhaus. Würde man durch sie hindurch nach links gehen, käme man durch einen 80 cm breiten Gang (Schlafwagenmaß – Corbu hatte ja was für Maschinen und fahrbare Untersätze übrig!) zu einer Micro-Waschstelle.

Die Dachterasse versöhnt dann mit Einigem. Ein großartiger Blick über Stuttgart, hier lässt sich bestimmt schön grillen. Aber ob der Corbu das gut geheißen hätte?
Die Weissenhofsiedlung war vor allem eine Bauausstellung, eine Muster- und keine echte Wohnsiedlung, schon gar nicht für die hehre Zeilgruppe einiger Bauhäusler, "den Arbeiter". Es war sogar schwierig, überhaupt Mieter für Corbus Wohntraum zu finden, selbst modern eingestellte bildende Künstler hatten ihre Probleme mit der Raumaufteilung. 
Sieht man einige andere Häuser daneben (z. B. die Wohnfabrik von Mies van der Rohe, dann hat Corbus Haus sogar etwas freundliches.


Mittwoch, 30. Januar 2013

Zeichen der Zeit

Mein Blog heißt »Then and Now«, weil man von vielen Dingen, die einem heute begegnen, auf damals schließen kann – und umgekehrt. Das Deuten und Herleiten von designten Objekten hat mich schon immer interessiert. Ob man es nonverbale, visuelle oder objektbezogene Kommunikation nennt, Gestaltung ist die ästhetische Form einer kommunikativen Intention.
Das Fachgebiet dazu heißt Semiotik. Mit ihr beschäftige ich mich seit ich studierte (ein Weilchen her). Wer wie ich unterrichtet, hat in der Semiotik eine fantastische Methode an der Hand, um gestaltete und ungestaltete, auf jeden Fall sinnlich wahrnehmbare Phänomene unseres Alltags zu analysieren.
Ich wollte schon lange ein Buch darüber schreiben, eine Einführung in das strukturale semiotische Denken. Es gibt einige Einführungen von den großen Meistern – Barthes, Eco, Trabant – um nur einige zu nennen, aber die sind, mit dem gebührenden Respekt vor der Lebensleistung dieser Menschen formuliert, alle zu trocken. Reine Theorie, oft sehr in die Sprache oder in die formale Logik verliebt.
Jetzt ist meine Einführung »Zeichen der Zeit. Eine Einführung in die Semiotik« erschienen. Ich habe sie bei CreateSpace veröffentlicht und bin gespannt, ob und welche Reaktionen ich bekomme. Interessiert? Hier geht's zum Bestellen: http://www.amazon.de/Zeichen-Zeit-Eine-Einf%C3%BChrung-Semiotik/dp/1481819933/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1359454232&sr=1-1

Donnerstag, 12. Juli 2012

Freundliche Marken


Bis in die frühen 1970er Jahre hatten viele Marken und Produkte hübsche vermenschlichte oder animalische Visualisierungen als Ergänzung der Wortmarke. Der Michelin-Mann »Bibendum« ist als Markenzeichen bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden und hat sich bis heute erhalten; der Erdal-Frosch ebenfalls und ein paar andere auch. Doch im Großen und Ganzen ist ein Markenzeichenschwund zu beobachten, wenn es um die humanoide oder animalisierte Visualisierung geht. Das Öltropfen- bzw. Flammen-Männchen von Esso? Gestorben. Der Sarotti-Mohr: Muss vermutlich aus Political Correctness-Gründen überarbeitet werden. Anbei ein paar Beispiele aus der französischen Automobilzulieferbranche der 1960er Jahre: Der Motorradreifen »Rapido« und der Sportreifen »XAS« von Michelin als "behelmte Augen".

Da stellt man sich direkt die animierte Version als TV- oder Kinospot vor ...

Der französische Autoelektrikhersteller Marchal hatte in den 1950er Jahren eine Katze als Markenzeichen eingeführt, die im Signet später ein wenig zum Fuchs mutierte, auf Plakaten jedoch weiterhin Katze blieb. Warum verschwindet so etwas?


Und hier, weil's so schön ist, das Öltropfenpärchen auf seinem Scooter.

Mittwoch, 4. Januar 2012

somehow MIES

Bei meinem letzten Finnland-Besuch stieß ich auf der Dozententoilette auf dieses denkwürdige Exemplar. Mit Vorliebe werden ja Hygieneartikel und Reinigungsgeräte weiblich benamt, insofern macht »Katrin« keine große Ausnahme. Wohin aber jenes Diktum führt, das man dem Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe zuschreibt, merkt man hier. "Less is more", weniger ist mehr, gilt offensichtlich auch für die Verrichtungen auf der Toilette. Wie das mit allen famous last words so ist (dazu gehört auch "form follows function" von Louis Sullivan), letztlich dienen sie vor allem einem ökonomisch und utilitaristisch geprägten Funktionalismus, der so tut, als sei es moralisch besser, weniger zu nehmen, dabei aber nur verschleiert, dass weniger Handtuch mehr Benutzer und somit höherer Auslastung des Spenders bedeutet. Fazit: Misstraue dicken Zigarre rauchenden Männern, die dir erzählen wollen, Verzicht sei der bessere Weg ...

Freitag, 23. Dezember 2011

Schubladendenken

Es ist schon traurig: Da steht Weihnachten vor der Tür und in irgendwelchen Etats von Ministerien und Behörden ist noch Geld frei. Das muss unbedingt für irgendetwas ausgegeben werden, sonst ist die Budgetierung für nächstes Jahr futsch. Mensch, denkt sich der eine oder die andere, da könnten wir doch ein bisschen Kommunikation machen! Mal 'ne Kampagne oder so was ähnliches.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hatte wohl auch zu viel Geld über. Mit Hilfe einer maltesischen (!) Agentur überzieht sie die Citylights und 18/1-Werbeflächen mit Motiven, die einem wirklich die Schuhe ausziehen ob ihrer Naivität und Plumpheit. »Kein Mensch passt in eine Schublade« Ach wirklich? Das ist ja ganz neu! Und was sehen wir? Richtig, Schubladen! Und zwar so ganz alte, in die noch kleine Karteikarten reinpassen. Was will man uns denn damit sagen? Dass auf den Ämtern immer noch mit Karteikästen aus der Nazizeit gearbeitet wird? Dass in unseren Hirnen kleine Holzschublädchen angesammelt sind? Aua! So, und jetzt die Kategorien: Gender bzw. sexuelle Orientierung. Religion bzw. Weltanschauung. Behinderung. Alter. Und ethnische Herkunft. Mann, das ist wirklich ehrenwert! Was ist denn mit der Weltanschauung? Taliban, christlicher Fundamentalist, Satanist: kein Mensch passt in eine Schublade – nein, er sprengt sie vorher! Und den ganzen Laden mit!
Menschen brauchen Kategorien, um sich zu orientieren. Das gehört zur Ökonomie der Wahrnehmung. Antidiskriminierung – wer wollte widersprechen? Aber die Motive sind so dumm und einfältig wie die Menschen, die diskriminieren. Diese Motive sind typisch für die Art von Kampagnen, bei der man ein Motiv gefunden hat, dass halbwegs zu funktionieren scheint. Aber dann heißt es: Wir brauchen mehr Motive für verschiedene Kategorien. Klar, gerade bei Gender gibts ja die große Auswahl: Mann, Frau und irgendwas dazwischen. Drei Schubladen! Toll, Spitzenmotiv!
Und dann die technische Umsetzung: Ich habe schon lange keine so dilettantische und schlampig gemachte Bildbearbeitung gesehen wie auf diesen Plakaten von der Agentur Lighthouse & Ashley aus Malta, die vor allem Lobbying-Kommunikation für europäische Regierungsstellen, Regierungsunternehmen und regierungsnahe Organisationen macht. Von perspektivischer Verzerrung keine Ahnung. Für den Übergang von Schärfe zu Unschärfe kein Gefühl. Peinlich, inhaltlich und formal.